Was haben Kaffee und Code gemeinsam?
Instantkaffee macht wach, ein guter Cappuccino braucht Zeit und Erfahrung. Mit Software ist es genauso.
Kaffee und Software begleiten mich beide: als Entwickler am Schreibtisch und als Barista hinter der Theke eines ehrenamtlichen Familien-Cafés. Auf den ersten Blick haben die beiden wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten eine ganze Menge.
Guter Kaffee entsteht nicht nebenbei. Die Bohne, der Mahlgrad, die Temperatur, das richtige Timing: Es braucht Liebe zum Detail, Ruhe, Zeit und Erfahrung. Das schmeckt man in jeder Tasse.
Bei Software wünsche ich mir dasselbe: dass sie nicht einfach nur benutzt wird, sondern Freude bei der Arbeit macht. Und auch gute Software braucht Sorgfalt, Zeit und Erfahrung.
Instantkaffee erfüllt seinen Zweck
Doch nicht immer ist Zeit für einen frisch zubereiteten Kaffee. Dann gibt es Instantkaffee. Er ist schnell, günstig und sofort verfügbar, und anrühren lässt er sich ganz ohne Erfahrung. Er macht wach und erfüllt seinen Zweck, deshalb verkauft er sich auch. Ein Genuss ist er aber nicht unbedingt.
Auch in der Software gibt es diesen Instantkaffee: Lösungen, die schnell vieles einfacher machen, aber an vielen Stellen nicht ausgereift sind. Manche sind mit heißer Nadel gestrickt. Bei anderen kommen ständig neue Funktionen dazu oder Grundlegendes wird umgebaut, statt das Produkt zu fokussieren und reifen zu lassen. Wahrscheinlich ist das oft durch Finanzierungsrunden, Investoren und Firmenverkäufe mit immer neuen Ansprüchen an das Portfolio begründet.
Verkauft wird so ein Produkt trotzdem, denn der Name ist bekannt. Die vielen kleinen Ärgernisse im Alltag werden dabei in Kauf genommen.
Solche Software funktioniert. Eine Zeit lang.
Auf Dauer macht Instantkaffee nicht zufrieden.
Ein gutes Café besuche ich dagegen gerne regelmäßig.
Wirklich gute Software braucht mehr Zeit und Zuwendung. Dafür ist sie dann kein Instantkaffee, sondern ein guter Cappuccino – mit Latte-Art und Gebäck dazu.
KI macht den Instantkaffee noch schneller
Beim sogenannten Vibe Coding entsteht Software per Prompt, ohne dass jemand den Code wirklich versteht. Schneller lässt sich Instantkaffee kaum anrühren.
Ich nutze KI selbst – bewusst und mit kritischem Blick. Problematisch wird es beim unreflektierten und exzessiven Einsatz.
Ein Beispiel: In einem Django-Projekt habe ich testweise eine neue Funktion von einer KI einbauen lassen. Heraus kamen rund 200 Zeilen Code. Der Code hat funktioniert und das Ziel erreicht.
Mit meiner Erfahrung habe ich aber gesehen: Wird die Anforderung leicht angepasst, bleibt das Ziel dasselbe – und es reichen wenige Zeilen mit den Bausteinen, die Django von Haus aus mitbringt (Generic Views und Forms). Mein Eindruck: Die KI hat vom Ziel her gearbeitet. Ich habe im Kopf den Weg dorthin konstruiert und dabei die elegantere Variante gesehen.
Der Code sieht jetzt aus wie aus der Django-Dokumentation. Er lässt sich auch in vielen Jahren noch verstehen und warten. Und Django-Updates dürften deutlich einfacher werden: Weniger eigene Implementierung heißt weniger Annahmen darüber, wie das Framework funktioniert.
Wer nur noch Code generieren lässt, kommt zwar schnell zum Ziel, baut dabei aber keine Erfahrung auf. Und genau die braucht es für guten Kaffee.
Das große Ganze steht in keinem Prompt
Eine KI programmiert genau auf das formulierte Ziel und den vorgegebenen Kontext hin. Das große Ganze kennt sie nicht. Vieles davon steht nirgends geschrieben: wer die Software wie nutzt, welche Ausnahmen es im Alltag gibt, warum frühere Entscheidungen so gefallen sind.
Dieses Wissen haben die Menschen, die die Software entwickeln oder das Projekt verantworten. Zumindest sollten sie es haben. Sie kennen das Unternehmen, die Kundschaft, die Abläufe und alle, die mit der Software arbeiten. So wie hinter der Theke: Das Mahlwerk, die Dampflanze, die Gespräche nimmt nur wahr, wer selbst drinsteht.
Für das Café Klaus entwickle ich die Kasse und nutze sie als Barista selbst. Als die Zuordnung der Bestellungen umgestellt wurde, habe ich die Kasse gleich mit angepasst. Ablauf und Software haben sich gemeinsam verändert. An der Theke trifft Software auf die Wirklichkeit.
Das Drumherum macht den Unterschied
Ein gutes Café ist mehr als die Tasse auf dem Tisch. Es duftet nach frisch gemahlenen Bohnen, es gibt einen gemütlichen Platz, ein freundliches Wort und jemanden hinter der Theke, der weiß, wie man seinen Kaffee mag. Dafür zahlt man auch etwas mehr als für ein Glas Instantkaffee.
In der Software heißt dieses Drumherum Service, Wartung und Support. Und auch Community: Menschen, die sich auskennen, die ansprechbar sind und die eine Lösung über Jahre begleiten. Das kostet mehr als eine schnelle Lösung. Und lohnt sich genauso.
Das Café begleite ich seit Oktober 2024. Die Arbeit ist nicht vorbei, sobald die Kasse läuft: Was hinter der Theke auffällt, wird verbessert, und die Kasse wächst mit den Abläufen des Cafés.
Eine Frage der Wahl
Ein Instantkaffee zwischendurch kann sinnvoll sein, wenn er bewusst und gezielt eingesetzt wird. Als Dauerlösung taugt er nicht.
Wer Software dauerhaft nutzen möchte, braucht mehr als ein schnelles Ergebnis. Es braucht Erfahrung, Sorgfalt und jemanden, der das Ganze im Blick behält und sich auch danach noch kümmert.
Langfristig ist es eine Entscheidung für Qualität. Bei Kaffee wie bei Software.